LIPUS bei (Stress)frakturen
Wann ist therapeutischer Ultraschall sinnvoll?
Ein begeisterter Läufer kommt mit anhaltenden lokalen Schmerzen im Bereich des Schienbeins in Ihre Praxis. Während der Anamnese wächst bei Ihnen der Verdacht auf eine Stressfraktur. Ihr Patient hatte damit gerechnet, es einfach etwas ruhiger angehen zu müssen, erhält aber plötzlich eine ganz andere Botschaft: sofortiger Trainingsstopp und drastische Reduzierung der Belastung. Seine erste Frage ist logisch und direkt: „Wann kann ich wieder aufbauen, und wie gehen wir das sinnvoll an?“
Kurz gesagt
LIPUS (Low Intensity Pulsed Ultrasound) ist eine Form des therapeutischen Ultraschalls mit geringer Intensität. Bei Stressfrakturen ersetzt LIPUS niemals Belastungsmanagement, Ruhe oder einen schrittweisen Wiederaufbau. Es kann jedoch eine ergänzende Option für Patienten sein, bei denen die Knochenheilung zusätzliche Unterstützung erfordert, beispielsweise bei Risikofaktoren für eine verzögerte Heilung.
Was ist eine Stressfraktur?
Eine Stressfraktur entsteht durch eine Überlastung des Knochens. Manchmal kann diese Überlastung den Knochenstoffwechsel stören, wodurch die Knochenqualität abnimmt. Wenn dabei die Kortikalis durchbrochen wird, liegt eine Stressfraktur vor. Stressfrakturen entwickeln sich fast nie zu vollständigen Frakturen, da der Patient seine Aktivitäten aufgrund der Schmerzen meist schon vorher einstellt [1].
Woran erkennt man eine Stressfraktur?
Eine Stressfraktur beginnt oft mit einem leichten, ziehenden Schmerz am Ende einer Belastung, der in Ruhe wieder verschwindet. Der Schmerz tritt immer schneller auf und bleibt schließlich auch in Ruhe bestehen. Ein deutliches Erkennungsmerkmal ist, dass Ihr Patient den Schmerz mit einem Finger genau lokalisieren kann, während andere Überlastungsbeschwerden einen ausgedehnteren und diffuseren Schmerzbereich aufweisen.
Wo treten Stressfrakturen häufig auf?
Stressfrakturen treten vor allem an Gelenken der unteren Extremitäten auf, die viel Gewicht tragen, wie Fuß, Unterschenkel oder Becken. Am häufigsten ist das distale Drittel der Tibia betroffen, wobei oft Mischbilder mit Periostitis oder Kompartmentsyndrom zu beobachten sind.
Welche Patienten haben ein erhöhtes Risiko für Stressfrakturen?
Vor allem Sportler mit einer hohen, wiederholten Belastung der unteren Extremitäten sind einem Risiko für Stressfrakturen ausgesetzt. Dazu zählen Läufer, Fußballer, Tänzer und Turner. Darüber hinaus besteht ein erhöhtes Risiko für Sportler, die ihre Trainingsbelastung plötzlich steigern, sowie für Anfänger oder Freizeitsportler, die plötzlich mehr leisten, als ihr Körper gewohnt ist.

Physiotherapeutische Behandlung von Stressfrakturen
Aufgrund des typischen Symptombildes entsteht der Verdacht auf eine Stressfraktur oft bereits während der Anamnese. Ist das Bild unklar und möchten Sie dennoch Gewissheit haben, können Sie Ihren Patienten zur Bildgebung überweisen. Wichtig zu wissen: Ein Arzt wird sich möglicherweise nicht für eine Röntgenaufnahme entscheiden, da diese in den ersten drei Wochen noch negativ ausfällt. Eine MRT oder eine Knochenszintigraphie können eine Stressfraktur jedoch bereits frühzeitig erkennen.
Behandlung einer Stressfraktur durch den Physiotherapeuten
Deine Stärke als (Sport-)Physiotherapeut liegt in der sorgfältigen Steuerung von Belastung, Regeneration und Vertrauen. Untersuchungen zeigen, dass Ihr Patient die belastende sportliche Aktivität am besten fünf bis acht Wochen lang vollständig einstellen sollte. Dabei darf er natürlich seine kardiovaskuläre Fitness aufrechterhalten. Dies kann unter Berücksichtigung der Schmerzen mit schonenden Aktivitäten wie Schwimmen, Radfahren oder Fitnessübungen ohne Stoßbelastung erfolgen. Wenn der Patient in seinem Alltag keine Beschwerden mehr verspürt, darf er seine sportliche Aktivität wieder schrittweise aufbauen.
Ergänzende physiotherapeutische Option bei der Behandlung von Stressfrakturen
Neben dem Belastungsmanagement gibt es eine interessante ergänzende Option, die zum Einsatz kommen kann, wenn die Knochenheilung etwas mehr Aufmerksamkeit erfordert: Low Intensity Pulsed Ultrasound, kurz LIPUS. Doch bevor wir näher auf die Anwendung eingehen: Was genau ist LIPUS?

Was ist LIPUS und wann wird es angewendet?
LIPUS ist eine Form des therapeutischen Ultraschalls mit niedriger Intensität und gepulster Anwendung. Das Ziel besteht laut dem National Institute for Health and Care Excellence im Vereinigten Königreich (NICE) darin, mikromechanische Belastung auf das Knochengewebe auszuüben, um die Knochenheilung anzuregen. Die Technik ist vergleichbar mit therapeutischem Ultraschall, verfolgt jedoch ein spezifisches biologisches Ziel anstelle einer Gewebetherapie.

Um LIPUS im klinischen Kontext besser zu verstehen, sprachen wir mit dem Biomedizintechniker Vasilis Protopappas. Im Rahmen seiner Doktorarbeit (2000–2004) arbeitete er an einem großen europäischen Forschungsprojekt zum Einsatz von LIPUS bei (Stress)frakturen mit [2].
Bei welchen Patienten mit (Stress)frakturen kann LIPUS sinnvoll sein?
Laut Vasilis Protopappas heilen die meisten Frakturen innerhalb von drei Monaten, doch bei 5 Prozent der Patienten kommt es zu einer verzögerten Heilung (delayed union) oder zu einer ausbleibenden Heilung (non-union).
Faktoren für eine verzögerte oder ausbleibende Knochenheilung bei Frakturen:
- Hohes Alter
- Rauchen
- Adipositas
- Stoffwechselerkrankungen
- Schlechte Durchblutung
- Mechanische Instabilität
Diese Patienten können daher durchaus zusätzliche Hilfe gebrauchen, beispielsweise in Form von LIPUS. Vasilis:
„LIPUS ist in diesen Fällen die am besten untersuchte Intervention [3], die gleichzeitig bevorzugt eingesetzt wird, um das Risiko einer verzögerten Heilung oder Nichtheilung bei Risikopatienten zu minimieren.“
Es lohnt sich also auf jeden Fall, es auszuprobieren.
Die Rolle des Physiotherapeuten im Heilungsprozess von Stressfrakturen
LIPUS ist eine wirkungsvolle Behandlungsmethode, die zu jedem Zeitpunkt des Genesungsprozesses eingesetzt werden kann. Vasilis:
„Der Physiotherapeut spielt eine Schlüsselrolle bei der frühzeitigen Erkennung von Risikopatienten und bei der Auswahl geeigneter Maßnahmen, die den Genesungsprozess unterstützen. LIPUS kann dabei als evidenzbasierte Behandlungsmethode eine ergänzende Rolle spielen.“
Aber bei welchen Patienten entscheidet man sich dann für eine Ergänzung durch LIPUS? Vasilis erklärt:
„Ein Physiotherapeut kann LIPUS proaktiv bei Risikopatienten einsetzen, um das Risiko von Komplikationen bei der Knochenheilung zu minimieren. Darüber hinaus kann LIPUS auch bei (Stress)frakturen mit normalem Verlauf einen Beitrag leisten, indem es die Heilungsdauer positiv beeinflusst. Schließlich kann es als letzte Option vor der Entscheidung für eine Operation bei einem Patienten mit Komplikationen eingesetzt werden.“
Dafür gibt es fundierte wissenschaftliche Belege, wie beispielsweise eine aktuelle Übersichtsarbeit von Palanisamy et al. (2022)[4]. Diese Übersichtsarbeit zeigte eine „[nachgewiesene Beschleunigung] der Knochenbildung bei frischen Frakturen, verzögerter Heilung, Nichtheilung und Distraktionsosteogenese“. Außerdem empfiehlt die Studie die LIPUS-Behandlung „als sichere Therapie im Vergleich zu bestehenden Frakturbehandlungen“.
LIPUS in Ihrem klinischen Entscheidungsprozess
Haben Sie Patienten mit Knochenbeschwerden, bei denen die Genesung nur langsam voranschreitet? Suchen Sie nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit Stressfrakturen? Vielleicht bietet LIPUS genau die Ergänzung, die Sie suchen. Vasilis:
„Denken Sie jedoch daran, dass LIPUS eine Ergänzung Ihrer Therapie ist und kein Ersatz für den Prozess der Ruhigstellung, der richtigen Belastung und des schrittweisen Aufbaus. Achten Sie darauf, die Dosierung stets an Ihren Patienten und seine individuellen Merkmale (z. B. Alter und Begleiterkrankungen) anzupassen. Und, last but not least: Managen Sie die Erwartungen Ihres Patienten.“

Beziehen Sie LIPUS also unbedingt in Ihren klinischen Entscheidungsprozess ein. Fragen Sie sich, ob die Unterstützung sinnvoll ist und wie sie in den Gesamtplan der Genesung passt. Der Wert dieser leicht zugänglichen und schmerzfreien Anwendung liegt also nicht in großen Versprechungen, sondern in der sorgfältigen Abwägung des richtigen Patienten, der richtigen Phase und des richtigen Behandlungsziels [5].
Der Wert von LIPUS liegt nicht in großen Versprechungen, sondern in der sorgfältigen Abwägung des richtigen Patienten, der richtigen Phase und des richtigen Behandlungsziels.
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[1] Hartgens, F., Hoogeveen, A. R., & Brink, P. R. (2008). Athletes with exercise-related pain on the medial side of the lower leg. Nederlands tijdschrift voor geneeskunde, 152(33), 1839–1843.
[2] Malizos KN, Papachristos AA, Protopappas VC, Fotiadis DI. Transosseous application of low-intensity ultrasound for the enhancement and monitoring of fracture healing process in a sheep osteotomy model. Bone. 2006 Apr;38(4):530-9. doi: 10.1016/j.bone.2005.10.012. Epub 2005 Dec 20. PMID: 16361120.
[3] Malizos KN, Hantes ME, Protopappas V, Papachristos A. Low-intensity pulsed ultrasound for bone healing: an overview. Injury. 2006 Apr;37 Suppl 1:S56-62. doi: 10.1016/j.injury.2006.02.037. Epub 2006 Apr 3. PMID: 16581076.
[4] Palanisamy P, Alam M, Li S, Chow SKH, Zheng YP. Low-Intensity Pulsed Ultrasound Stimulation for Bone Fractures Healing: A Review. J Ultrasound Med. 2022 Mar;41(3):547-563. doi: 10.1002/jum.15738. Epub 2021 May 5. PMID: 33949710; PMCID: PMC9290611.
[5] Li L, Yang L, Yang Y, Zhu J, Shi R, Deng Q, Wang J, Sun F. Evaluation of the efficacy of physical agent modalities in patients with fractures: a systematic review and network meta-analysis. Front Med (Lausanne). 2025 Oct 29;12:1646903. doi: 10.3389/fmed.2025.1646903. PMID: 41244766; PMCID: PMC12614468.